Putins Russland liefert wieder einmal den Beweis, warum die Trennung von Religion (in dem Fall geht es um die russisch-orthodoxe Kirche) und Staat so notwendig ist: zuerst der Aufschrei der Kirchenmänner (und parallel dazu die Klage und morgen anstehende Verurteilung) gegen die politische Freiheits- und Anti-Putin-Aktion der drei Pussy-Riot-Aktivistinnen. Und jetzt nach Madonnas Konzert in St. Petersburg, bei dem sie zu mehr Toleranz für Lesben und Schwule aufgerufen hat (in St. Petersburg gilt ein Gesetz, das jedes öffentliche Reden über Homosexualität verbietet), klagen russische Gläubige die Sängerin auf 8,5 Mio. € 'Schmerzens'geld für den 'immensen moralischen Schaden', den sie durch Madonnas Aussagen erlitten hätten.
Sie müssen sich schon sehr schwach fühlen, diese Gläubigen, wenn sie mit Hilfe der russischen Justiz den angeblich erlittenen 'moralischen Schaden' ausbügeln wollen... Die Hetze gegen Lesben und Schwule in Russland mit Gesetzen (dzt. auch ein Entwurf in der Duma), die öffentliches Reden über Lesben und Schwule als 'Propaganda' bezeichnen und verbieten (wollen), nimmt immer bizarrere und gefährlichere Formen an. Und dient wohl v.a. dazu, von den wirklich grossen Problemen in der Gesellschaft wie massive Armut, niedrige Lebenserwartung, Knebelung von NGOs ('ausländische Agenten') und Medien abzulenken. Sündenbockpolitik nennt man das.
Apropos Justiz in Russland: Es hilft auch nichts, wenn Putin sich vor kurzem eine mildere Strafe für die Pussy-Riot-Frauen gewünscht hat, und das Urteil mit wahrscheinlich drei(!) Jahren Haft milder ausfallen wird als ursprünglich befürchtet: Eine unabhängige Justiz hätte die drei weder angeklagt noch würde sie Putins Wünschen - in die eine oder andere Richtung - Folge leisten. Doch davon ist Putins Demokratur meilenweit entfernt.


Ja, ja, ist ja schon gut. Natürlich sollte man mit einer politischen Gruppe, die nebenbei noch schlechte Musik macht (und ich mag Punkmusik wirklich), nicht so umspringen. Und das gehört auch tematisiert.
Aber warum hört man von den Grünen gerade dort nichts, wo es noch viel schlimmer ist. Etwa dort, wo im Namen der Religion die Frauen ein Sklavendasein fristen müssen (Saudi Arabien), oder wo die letzte halbwegs sekuläre Regierung im arabischen Raum (Syrien) gerade mit kräftiger westlicher Hilfe hinweggebombt wird?
Kommentiert von: kritikus.at | 16. August 12 um 11:22 Uhr