Makaber anzusehen, die Vorhänge, die hinter halb kaputten, mit Rotschlammresten verschmierten Fenstern im Wind wehen; die Schlammzeichnungen an den Außenmauern der Häuser, an denen der hohe Flüssigkeitsanteil der Schlammlawine zu erahnen ist, die an jenem 4. Oktober große Teile der Ortschaften Kolontar und Devecser verwüstete; auch die rotbackigen Äpfel an den Obstbäumen über der eineinhalb Meter hohen roten "Markierung" am Stamm und die Reste con Sesseln und Tischen in den Schlammresten erinnern daran, dass die Menschen hier vor drei Wochen ohne jede Vorwarnung aus ihrem Dorfalltag gerissen wurden - neun von ihnen verloren das Leben, 130 erlitten Verätzungen und andere Verletzungen, mehr als 40 befinden sich immer noch im Spital.
Und das alles weil die Aluminiumproduktionsfirma MAL sorglos ihren hoch-alkalinen (d.h. nicht wie in den meisten westeuropäischen Betrieben PH-Wert-neutralisierten) Rotschlamm in Auffangbecken fliessen liess, deren an die 20m hohen Deiche an mehreren Stellen brüchig geworden waren: Am 4. Oktober zu Mittag hielt einer dieser Deiche an einer Stelle dem Druck der trägen Wassermassen nicht mehr stand. Explosionsartig ergossen sich in Minutenschnelle 750.000 Kubikmeter giftigen Bauxitschlammes über etwa 40 Quadratkilometer z.T. bewohntes Land und verseuchten es nachhaltig.
Auch die ungarischen Regierungen hatten es in den letzten Jahren verabsäumt, fachgerechte Kontrollen durchzuführen - und der Firma Auflagen zu erteilen, deren Umsetzung sie dann auch überprüfen hätten sollen. Kontrolle wurde klein geschrieben - leiden müssen jetzt die BewohnerInnen der beiden Dörfer, die um ihre Existenz gebracht wurden.
Heute konnten sich Satu Hassi, frühere finnische Umweltministerin und jetzt Fraktionskollegin von mir im Europaparlament und ich gemeinsam mit den Vorsitzenden der Umweltausschüsse im Parlament in Wien (Christiane Brunner, im bild unten neben mir am Deich des geborstenen Auffangbeckens) und in Budapest (Benedek Javór, beide ebenfalls von den Grünen) bei einem Lokalaugenschein davon überzeugen, was getan werden muss, um derartige Katastrophen in Zukunft zu verhindern:
Auf EU-Ebene forderten wir bei der abschliessenden Pressekonferenz in Devecser von der Kommission (und haben dies auch schon in einem Offenen Brief an Umweltkommissar Potocnik zum Ausdruck gebracht):
- die rasche Einsetzung einer Task Force mit unabhängigen ExpertInnen. Diese muss ähnlich wie beim Goldminendesaster in Baia Mare in Rumänien 2000 die Ursachen genau erforschen und dann festhalten welche Lektionen für die Zukunft gelernt werden müssen, in Ungarn und anderswo;
- Die Überarbeitung der Umwelthaftungsrichtlinie, die in den Konsequenzen und Sanktionen mehr als vage bleibt;
- Kontrolle der Umsetzung und Einhaltung von EU-Richtlinien durch die Mitgliedstaaten durch europäische InspektorInnen (und nicht solche aus dem entsprechenden Mitgliedsland).
Von der ungarischen Regierung (der Umweltstaatssekretär Zoltan Illes stand uns Rede und Antwort) forderten wir, dass sie das Unternehmen zur Zahlung von angemessenen Entschädigungen anhalten muss (derzeit werden noch alle Massnahmen vom Staat gezahlt) und dass sie die Einhaltung der Umweltgesetze besser kontrollieren müsse. Erfreulicherweise sprach sich der Staatssekretär für die Einsetzung einer europäischen unabhängigen Task Force (also einer Untersuchungskommission) aus. Benedek Javór und die anderen Abgeordneten unserer neuen ungarischen Grünpartei "LMP" werden im Parlament in Budapest auf diese Zusage zurückzukommen wissen...
im Bild unten v.l.n.r.: Benedek Javór, Zoltan Illés, UL, Christiane Brunner und Satu Hassi


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