Ein ausgelassenes Fest mit 110.000 Menschen auf der Wiener Ringstraße, das war die heurige 15. österreichische Regenbogenparade am gestrigen Samstag: mit Zigtausenden Schaulustigen aus unserer lokalen, europäischen und globalen lesbischwultrans-Community sowie heterosexuellen SympathisantInnen feierten wir zwei Dinge: die Eingetragene Partnerschaft, die es für unsereins (mit Einschränkungen) nach jahrzehntelangen Kämpfen nun seit 1.1.2010 gibt; und die Freiheit, ohne verbale oder tätliche Bedrohung oder sogar Angriffe durch radikale Homophobe (wie an so vielen anderen Orten Europas und anderswo) vier Stunden lang durch das Zentrum der österreichischen Hauptstadt zu ziehen und danach noch bis zum abschliessenden Donauwalzer am Schwarzenbergplatz zu tanzen, zu schmusen, zu tratschen, zu diskutieren....
Das Motto der Jubiläumsparade "We are family" machte aber auch klar, dass gerade jene unter uns, die Kinder haben oder welche bekommen bzw. adoptieren wollen, die völlige Gleichstellung immer noch nicht erreicht haben. Die von der ÖVP erzwungene und von der SPÖ schlussendlich mitgetragene Absurdität, dass wir Lesben und Schwule laut Gesetzesdefinition - und wider die Realität und den gesunden Menschenverstand - keine Familien haben bzw. nicht einmal einen "Familien-" sondern nur einen "Nach"namen führen dürfen, macht uns Lesben und Schwule in diesem Land immer noch zu BürgerInnen zweiter Klasse. Aber ich bin überzeugt: über den Rechtsweg und über weiteren politischen Druck werden wir auch in Österreich die Gleichstellung erreichen.
Was das Familienrecht betrifft, ist die EU ziemlich machtlos, solange sich die RegierungschefInnen der Mitgliedstaaten dies als ihr ureigenstes Feld vorbehalten. Dass die EU aber im Bereich der Anti-Diskriminierung und der öffentlichen Wahrnehmung (Stichworte Versammlungs- und Meinungsfreiheit) eine gewichtige Rolle spielt, habe ich in den letzten Monaten selbst erlebt: Unter der blauen Flagge mit den 12 gelben Sternen müssen auch homophobe Regierungen und Stadtverwaltungen klein beigeben, wollen sie es sich mit den gemeinsamen Regeln (Stichwort Grundrechtecharta, die seit dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages am 1.12.2009 Diskriminierung auf Grund der sexuellen Orientierung verbietet) bzw. mit ihren Beitrittsbestebungen nicht verscherzen.
Baltic Pride am 8. Mai im litauischen Vilnius und die erste slowakische Parade am 22. Mai in Bratislava hätten ohne den vereinten Druck der EU - und das heißt sowohl der LGBT-Intergroup im Europaparlament als auch zahlreicher Botschaften der Mitgliedsländer vor Ort - nicht stattfinden können.
Auch über die Grenzen der EU hinaus ist die Global Queer Family gefordert: Unsere erstrittenen Freiheiten können wir nur voll genießen, wenn wir solidarisch mit jenen sind, die anderswo noch dafür kämpfen. Die brutalsten Staaten sind dabei Diktaturen und autoritäre Regime wie Iran, Mauretanien, Jemen oder der Norden Nigerias, wo mittels Sharia die Todesstrafe für (männliche) Homosexualität vorgesehen ist.
Toll, dass diesmal die lesbischwule MigrantInnenorganisation MyGay mit einem eigenen Wagen dabei war. Auf ihren T-Shirts prangerten sie die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen weltweit an, und eine junge Frau machte mit "Iranian Lesbian" auf ihrer Kleidung klar, dass es gegen Ahmadinejad's und Co. Ansichten selbstverständlich auch im Mullah-Staat Lesben gibt.
Global Queer, Euro Queer, Local Queer - das war das Motto von Grüne andersrum bei dieser Parade, denn die drei Ebenen hängen zusammen. Schließlich sind wir alle eine Global Queer Family.


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