Mit lauten Posaunenklängen wurde heute nachmittag im Palais Epstein in Wien die europaweite Kampagne zahlreicher NGOs zur Bekämpfung von weiblicher Genitalverstümmelung vorgestellt - gleich mit einer kompletten Strategie für die EU-Institutionen. Die hätten nämlich, so Katja Svensson, Advocacy Advisor der Kampagne "End FGM" in Brüssel (www.endfgm.eu), schon zahlreiche Papiere beschlossen - allen voran das Europaparlament - doch an der breiten (auch finanziellen) Unterstützung für konkrete Vorhaben wie etwa statistische Erfassung oder Maßnahmen im Gesundheitsbereich und in der Jugendarbeit zu Prävention und Aufklärung mangle es noch.
Leyla Hussein (im Bild Mitte zwischen mir und Elisabeth Cencig), britische Aktivistin aus Somalia, die selbst als Siebenjährige die grausame Praxis der Infibulation über sich ergehen lassen mußte, erklärte, dass Beschneidung etwas ist, was für den Status der Familie und der Männer getan wird. Deshalb konzentriere sich ihre Arbeit nicht nur auf den direkten Schutz von Mädchen und Frauen, sondern sie wolle auch Männer für den Kampf gegen FGM (Female Genital Mutilation) gewinnen: "Wenn einer vorgeht und sagt 'Ich heirate keine Frau, die verstümmelt wurde', dann haben wir einen wichtigen Schritt gesetzt!"
In Österreich arbeitet Elisabeth Cencig mit ihrem Verein FGM-Hilfe bei der Kampagne mit, und auch die "Stop FGM"-Plattform mit Begründerin Petra Bayr (SPÖ-NRAbg., im Bild neben Leyla Hussein und mir) ist eingebunden. Für die österreichische Ebene wird u.a. ein stärkeres Augenmerk auf den Gesundheitsbereich gefordert (ein eigenes Verbotsgesetz ist vorhanden - aber wo wird Gesundheitspersonal entsprechend ausgebildet?) und die Anerkennung von FGM als Asylgrund.
Beides gilt auch für die europäische Ebene, hier wird außerdem statistische Erfassung etwa via Eurostat gefordert, sowie dass die Grundrechtsagentur in Wien und die Gender Agentur in Vilnius sich mit dem Thema befassen. Von den für Außen-, Entwicklungs- und Nachbarschafts- sowie Frauenpolitik zuständigen KommissarInnen erwarten die AktivistInnen der Kampagne, die von Amnesty International Irland initiiert wurde, dass FGM Teil ihrer regulären Agenda wird.
Ich erklärte mich bereit, ein Treffen mit anderen MEPs aus verschiedenen Ausschüssen in Brüssel zu organisieren und mit Anfragen und anderen parlamentarischen Mitteln die Anliegen der Kampagne zu unterstützen. Denn eines ist klar: Die schon 1994 bei der UN-Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung so umstrittene Begriff von "sexuellen und reproduktiven Rechten" ist es auch heute noch: Bei der Abstimmung zu einem Bericht über die Gleichstellung von Frauen stimmten vergangene Woche die meisten Abgeordneten der Europäischen Volkspartei dagegen, weil genau diese Begrifflichkeit drinnen vorkam. Der Bericht fand zum Glück dennoch eine Mehrheit.
Es ist höchste Zeit, dass auch die EU-Institutionen und die Regierungen der Mitgliedstaaten verstehen, dass die Verletzung der körperlichen Integrität von Frauen eine Verletzung ihrer Menschenwürde ist, die abgeschafft gehört. Nicht nur auf dem Papier.
Und die auf keinen Fall und von niemandem - egal ob aus Europa, der arabischen Welt, Afrika oder anderswo - mit kulturellen Traditionen gerechtfertigt werden darf.


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