Die
Kalten Krieger in Österreichs Politik haben die Euphorie des Jahres 1989 völlig
verschlafen. Es waren die SPÖ-Innenminister, die den Abbau der Grenzhindernisse
zum Sicherheitsrisiko erklärten, SPÖ-ÖVP-Regierungen, die die EU zum Paradies
auf Erden hoch propagierten und später die ÖVP-FPÖ-Regierungen, die Österreich
fahrlässig gegen Europa ausspielten und Brüssel zu einem ideologischen und
nationalen Feindbild stilisierten. Mit großen Außenfeinden – allen voran
Deutschland und Frankreich – ließ sich trefflich innerösterreichische Kritik an
Regierung und ihrer Politik als Verrat am viel zitierten „nationalen
Schulterschluss“ darstellen. Die Erweiterung der EU um Österreichs
Nachbarstaaten wurde einmal mehr als Sicherheitsfrage abgehandelt, die Öffnung
der Grenzen als Gefahr, die Einwanderung als Untergang des österreichischen
Abendlandes.
Nichts
davon ist wahr geworden – geblieben ist das Zerrbild von Europa, gezeichnet von
SPÖ, ÖVP, FPÖ in den dunkelsten Farben, in Druck gebracht von der „Kronen
Zeitung“. Hier liegt das Geheimnis der
berüchtigten österreichischen Europaskepsis. Sie ist gezüchtet und genährt
worden von den drei historischen Lagern aus unterschiedlichen Motivationen.
Tatsächlich kann nicht oft genug wiederholt werden, dass die historische
Errungenschaft und unsere historische Verantwortung als die erste, glückliche
Generation dieses Kontinents, die keine Kriege mehr persönlich erleben musste,
in der Zukunft Europas liegt. Die Einigung Europas hat gezeigt, dass der
nationalistische Wahnsinn schwächer sein kann als die menschliche Vernunft –
eine Tatsache, die wir heute nur allzu leicht vergessen. Der Frieden innerhalb
der Union (und hoffentlich auch auf dem Balkan) ist keine
Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis des europäischen Einigungsprozesses
und der Entwicklung einer europäischen Demokratie.
Und
wir formulieren eine Vision für eine europäische Demokratie: Die Grünen wollen
mehr Europa und mehr von Europa. Mehr als freier Waren-, Güter- und
Dienstleistungsverkehr. Die Chance dazu ist besser als je zuvor. Denn Europa
kann nicht weiter zusehen, dass Menschen ihre Arbeit verlieren und jene
Konzernchefs, die nicht genug bekommen konnten, weiter Gehälter beziehen, die
jedes Vorstellungsvermögens und jedes sinnvollen Verhältnisses zwischen Leistung
und Bezahlung entbehren.
Wir
können nicht zusehen, dass eine warme Wohnung, warmes Wasser, Licht in der
Nacht eine Existenzfrage wird. Die Gaskrise hat gezeigt, dass wir nicht nur
einer ökonomischen Klassengesellschaft leben. Wir leben auch in einer Gesellschaft,
in der es jene gibt, die sich Energie leisten können und jene, die sie sich
nicht leisten können. Das kann nicht unser Europa sein und das wird nicht unser
Europa sein. Ich will ein Europa, das diese Gefahren wahrnimmt, sie ernst
nimmt, sie bekämpft. Das den Konzernen die Stirn bietet, das den Kapitalismus
prägt und an die Leine nimmt – und nicht sich prägen lässt.
Wie
groß die Versuchung nach einem Anti-Europa-Wahlkampf ist haben die letzten Wochen
und Monate gezeigt. Während offensichtlich ist, dass Europa nur gemeinsam die
Folgen einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise meistern wird können, regt
sich bei SPÖ und ÖVP bereits wieder die Versuchung, gegen das „böse Ausland“ zu
wettern. Anlass ist diesmal der Mythos „Österreichische Banken“ in doppeltem
Sinn. Erstens: Die besonders problematische Lage heimischer Bankinstitute, die
sich dem Boom in Osteuropa hingegeben haben und nicht einfach, wie vielfach
dargestellt, das Geld für den dortigen Wirtschaftsaufschwung zur Verfügung
gestellt haben, sondern heftig am Entstehen einer Immobilien und Geschäftsblase
mitgearbeitet haben. Anders als mit einer Spekulationsblase ist wohl kaum zu
erklären, dass Wohnungs- und Hauspreise in Bukarest über jenen in Wien liegen.
Kurz: Österreichs Banken haben 70% des österreichischen BIP an Krediten in
Osteuropa und stehen vor massiven Problemen, diese nicht abschreiben zu müssen.
Die Regierung hat sich in den Dienst dieser Banken gestellt und nicht in den
Dienst der betroffenen BürgerInnen in Osteuropa als sie das
„Osteuropa-Bankenpaket“ erfand – purer Protektionismus statt Konjunkturstützung
für angeschlagene Staaten, wie Rumänien, Bulgarien oder die Ukraine. Zweitens:
das „Bankgeheimnis“. Statt in Allianz mit anderen EU-Staaten gegen das
Milliardengeschäft Steuerflucht und Schwarzgeld-Depots vorzugehen, die
Steueroasen, in denen der Reichtum von wenigen geparkt wird, machen SPÖ und ÖVP
gemeinsame Sache mit der Schweiz und Luxemburg, um weiter Steuerflüchtlingen
Asyl gewähren zu können.
Das
Kalkül von SPÖ und ÖVP ist bei beiden Initiativen klar: Brüssel lässt das arme
Österreich im Stich. Dabei handelt es sich im ersten Fall um puren politischen
Dilletantismus im Interesse von ein paar Großbanken und im zweiten Fall um
völliges Unverständnis der Folgen der weltweiten Finanzkrise. Gleichzeitig
richten Werner Faymann und Josef Pröll via „Kronen Zeitung“ aus, dass nur ja
niemand „von zu Hause in Österreich ihr Land schlechtreden“ sollte. Hier werden
Maulkörbe an KritikerInnen vergeben wie es schon im Jahr 2000 unter
Schwarz-Blau geschehen ist.
Diese
Haltung ist das Gegenteil von dem, was Europa braucht: Einen neuen Aufbruch, in
dem es einen neuen Konsens gibt, in dem es einen neuen Weg gibt – einen Grünen
New Deal. Das bedeutet: Gemeinsame europäische Strategien, gemeinsame
europäische Konjunkturpakete, ein gemeinsames soziales Europa.
Dieser Artikel für die Zeitschrift „Gesellschaft und Politik“ wird im 1.Quartalsheft 2009 abgedruckt.


schützt die gorillas!
Kommentiert von: Harald Umweltschützer | 30. März 09 um 21:34 Uhr
der fluch von jänner 2009 -oder wie ein häuflein undemokratische grüne parteifunktionärInnen die chance auf ein historisches wahlergebnis bei der ersten EU - Wahl ohne richtige gegner (dichands neffe, 3 rechtspopulisten, kein LIF) versäumte. :-(
Kommentiert von: Harald Umweltschützer | 30. März 09 um 21:39 Uhr
das was Europa braucht ist Bürgerbeteiligung, d.h. Volksbefragungen, Volksbegehren, Volksentscheidung (d.h. ab gewissem Prozent bei einem Volksbegehren ist das für EU Politiker bindend), Stärkung des EU Gerichtshofes, Stärkung der Oppositionsrechte, Stärkung des Parlaments, der Rat soll nur mehr beratende Funktion einnehmen und keine Entscheidungen treffen dürfen, Verbote die nur ein Land betreffen sollen nicht mehr möglich sein (z.B. Verkehrslawine am Brenner), bei Verboten müssen alle Länder zustimmen ansonsten gilt das nicht (so fährt die EU nicht mehr über Länder drüber).
Die EU muss auch unabhängig von Lobbyisten werden!!!
So wie die EU derzeit ist und wie die Grünen sie reformieren wollen, seh ich schwarz. Die EU Kritiker werden nämlich mehr.
Und der Lissabon Vertrag bzw. Verfassung hat gravierende Mängel und würde EU Kritiker noch mehr stärken!!!
Kommentiert von: sgm | 31. März 09 um 21:38 Uhr