Ersteren kannst du dir nicht aussuchen, zweiteren zum Glück schon - so
brachte der bekannte ukrainische Schriftsteller Jury Andruchowytsch das
schwierige Verhältnis der Ukraine und ihrer Menschen zwischen zwei
Welten und Mächten auf den Punkt. Ich war zur Diskussionsveranstaltung
der Alten Schmiede im Wiener Odeon Theater zum Thema "Ukraine - Zentrum
Europas" am vergangenen Samstag abend eingeladen worden; hatte mich
gewundert und gefreut, als einzige Politikerin mit der illustren Runde
an ukrainischen SchriftstellerInnen (Foto v.l.n.r. Martin Pollack
Natalka Sniadanko, Jury Andruchowytsch, Moderator Erich Klein, Andrej
Kurkow und ich, Foto: Mehmet Emir) diskutieren zu dürfen - und nahm es
als willkommenen Anlass, meine durch alltagspolitische Zwänge manchmal
etwas eingeschränkten Überlegungen an literarischen Gedanken und
Wahrnehmungen zu schärfen. Allein die Tatsache, dass alle drei LiteratInnen nahezu perfekt Deutsch
sprechen flößte mir Respekt ein. In einer meiner Wortmeldungen nahm ich
darauf Bezug: Beschämend wie wenige von uns österreichischen
"Einheimischen" trotz VorfahrInnen aus den Ländern jenseits des Eisernen
Vorhanges uns in auch nur einer dieser Sprachen halbwegs verständigen
können - ich mit meinem tschechischen Nachnamen inklusive.
Andruchowytsch plädierte außerdem dafür, in der Ukraine die
Minderheitensprachen stärker in den Alltag miteinzubeziehen - das würde
die Konfrontation zwischen dem Ukrainischen und dem Russischen - und wer
wann welche Sprache verwendet - aufweichen. Und dann dieses humorvolle (s. auch Bericht im Montag-Standard, S.8)
sich über schlimme Diskriminierungen hinwegsetzen (müssen) - Motto:
trotzdem Lachen. Auch wenn man in den EU-Staaten nicht willkommen sei
und ein Visum für die Einreise brauche, obwohl die EU-StaatsbürgerInnen
dies für die Ukraine nicht benötigen. Kurkow verstand die Angst vor
allzu viel ukrainischen MigrantInnen nicht: Weniger als 1% wollten
tatsächlich die Ukraine auf immer verlassen. Kurkow hatte auch einen besonderen Dank an den abtretenden
US-Präsidenten Bush: Durch ihn sei der "amerikanische Traum" endgültig
tot. Europa wiederum stehe für Positives, für Rechtsstaatlichkeit und
soziale Gerechtigkeit, aber eigentlich wollen sie "Europa in der Ukraine
bauen". Beim Europabild sei auch viel Klischee dabei, so Andruchowytsch.
Sniadanko brachte dann das Beispiel, dass mittlerweile "Euro" als
Adjektiv zur positiven Benennung von Konsumgütern verwendet werde, also
"Euro-Tisch" oder "Euro-Zaun". Einen Euro-Wodka gebe es jedoch nicht,
fügte Andruchowytsch lachend hinzu. Über den Ausdruck der "Europäisierung" der Ukraine zeigte sich Martin
Pollack verärgert - und ich muss ihm zustimmen: Schließlich IST die
Ukraine ein Teil Europas, wenn auch nicht der EU. Aber Europa ist eben
mehr als die EU.


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