Samstag vergangener Woche: Die Frauenkonferenz ist vorbei, und ich begebe mich auf eine Reise, die nicht einfach zu organisieren war und vor der viele Einheimische zurückscheuen, egal ob sie aus dem Kosovo oder aus Serbien kommen: mit dem Auto von Prishtina nach Belgrad. Samstag abend fand dort der Wiener Ball statt, organisiert von in Wien lebenden Serben.
Also hat mir das EU-Büro in Prishtina ein Auto mit einem Fahrer organisiert und eine 'Verbal Note', also eine Übertrittsgenehmigung für den von Serbien nicht anerkannten Grenzübergang Merdare sowie für den sonntäglichen Rückflug nach Wien - damit mich die Flughafen-Grenzpolizei ausreisen lässt, obwohl ich nicht über einen anerkannten Grenzübergang eingereist bin.
E., der Fahrer - ein Gorani (kosovarische Muslime, die einen südslawischen Dialekt sprechen) aus der Dragash-Region, der 1999 zuerst nach Sarajewo und dann nach Belgrad flüchten mußte - holt mich in Prishtina beim Hotel ab. Sein Auto hat ein serbisches Kennzeichen. Einige staunende Blicke, als ich, bekennende Pro-Kosovarin, in diesen Wagen einsteige; aber keine Feindseligkeiten irgendwelcher Art, auch nicht bei der Fahrt durch die Stadt, beim Halten bei einem Bankomat, oder bei der Fahrt nach Merdare.
Überall wird gebaut, viele Einfamilienhäuser werden - leider ohne gezielte Stadtplanung - in die Landschaft gestellt. Die Wälder sind schon herbstlich gefärbt, aber vielen Bäumen sieht man die lang anhaltende Dürre aufgrund der verdorrten Blätter an.
Dann Merdare: auf kosovarischer Seite ein richtiger Grenzübergang mit einem die Strasse querenden Überbau mit rot bzw. grün anzeigenden Ampeln, und kleinen Häuschen in der Strassenmitte, in denen die GrenzbeamtInnen Dienst machen. Auf der serbischen Seite wird klar, dass diese Grenze nicht anerkannt ist und immer noch, viereinhalb Jahre nach der Unabhängigkeit, wie eine innerstaatliche Kontrollstelle gehandhabt wird: einige Container links und rechts, die BeamtInnen gehen von einem Auto zum nächsten.
Wir werden rasch durchgewunken, die Verbalnote hat es also bis hierher in den Computer im Container geschafft.
Auf der anderen Straßenseite stauen LkWs. Schließlich bezieht Kosovo ganz viele Waren aus Serbien, das, und die daraus resultierenden Einnahmen, stört in Belgrad niemanden. Diese Einseitigkeit (Belgrad akzeptierte bis Mitte vergangenes Jahr die kosovarischen Zollstempel nicht, obwohl UNMIK diese schon 2009 in einem Rundschreiben an alle regional kooperierenden CEFTA-Staaten als legitim erklärte) führte denn auch zum Schließen der Grenze durch die kosovarische Regierung im Sommer 2011 und den gewaltvollen Reaktionen und Barrikaden von serbischer Seite.
Landschaftlich sieht es auf serbischer Seite ähnlich aus, bewaldete Hügel, auch hier bis hinein ins fruchtbare Tiefland, sind die Folgen der Dürre zu sehen: verdorrte Obstbäume, mickrige vertrocknete Maisstauden. Hausbau gibt es kaum, auch wenig Besiedelung; der Fahrer bestätigt mir, dass dies eine der ärmsten Regionen Serbiens ist. Auch Investitionen aus Belgrad bleiben aus: die Strasse rumpelt heftig und sieht so aus, als ob sie seit Jugoslawien-Zeiten nie erneuert wurde. Lediglich eine Brücke glänzt in Orange: die alte stand schon kurz vor dem Einsturz, deshalb mußte die neue gebaut werden.
Nach knapp fünf Stunden und einer Kaffeepause in einer OMV-Tankstelle kommen wir in Belgrad an. Das Hotel Metropole Palace am König-Alexander-Boulevard, der fast die ganze Stadt querenden Straße, ist gerade erst fertig renoviert. An den Seiten bekommt an diesem Samstag nachmittag noch das eine Fenster oder der andere Eingang den letzten Schliff, und die Gänge und Zimmer dieses Prunkhotels aus den 1960er Jahren riechen noch nach frischer Farbe. Das Hotel war vor ca. 10 Jahren privatisiert worden, der griechische Besitzer hatte aber nicht und nicht mit der Renovierung begonnen, bis die Belgrader Regierung schließlich mit neuerlicher Verstaatlichung drohte: dann ging es endlich los mit der Renovierung, und jetzt strahlt zumindest der Eingangsbereich voll in altem Glanz.
Der Ball, mit aus Wien angereisten Ehrengästen wie Vizebürgermeisterin Renate Brauner und Wiener Wirtschaftskammerchefin Brigitte Jank, hatte zwar viele lokale Gäste aus Wirtschaft und Politik wie Aleksandar Antić, den Vorsitzenden des Belgrader Gemeinderates und Belgrader Chef der SPS, aber VertreterInnen der neuen Regierungsparteien aus Parlament oder Regierung nahmen trotz mancher ursprünglicher Zusagen nicht teil.
Dennoch, und trotz einer aufgrund mangelnder Tanzkenntnisse meist relativ leeren Tanzfläche, fanden Wiener Walzer, Mitternachts-Publikumsquadrille und Kaiserschmarrn sowie die berühmtesten Operettenmelodien grossen Anklang.
Ob die Hoffnungen von Wirtschaftstreibenden nach verstärkter Zusammenarbeit über solche Initiativen erfüllt werden, wird sich wohl erst zeigen.
Ich freute mich, den ersten Parlamentsabgeordneten der serbischen Grünen, Ivan Karic, mit zwei KollegInnen begrüssen zu können, und mit ihnen u.a. über Strategien gegen das Ansinnen der neuen Regierung zu reden, in die Aromkraft einzusteigen.
Am Flughafen dann am Sonntag nachmittag wurde ich wieder an meine Anreise erinnert: die Grenzpolizistin wollte mir meinen Pass schon wieder zurückgeben als sie auf ihrem Bildschirm anscheinend den Hinweis auf meine Einreise über Prishtina sah - und zum Telefonhörer griff. Ich holte schon den Ausdruck meiner Verbalnote aus meiner Tasche und stellte mich auf eine Debatte mit der Polizistin ein - aber sie sprach einige Worte ins Telefon, deutete mit der Hand Stempelbewegungen an, legte dann den Hörer auf, nickte mir freundlich zu, und gab mir meinen Pass mit einem Gruss zurück... So hatte ich noch Zeit, einen guten serbischen Birnenschnaps zu kaufen - und landete nach kurzem Flug gut in Wien.